Ein Album fürs Wohnzimmer
Bill Callahan singt auf seinem neuen Album reflektiert und introspektiv über »My Days Of 58«.
Der Singer-Songwriter mit der angenehm sonoren Stimme wird dabei von der Band seiner gefeierten »Reality«-Tour sowie weiteren Musikern unterstützt. Mit Geige, Posaune, Pedal Steel und Klavier ist Bill Callahans Americana-Indie-Folk gewohnt reichhaltig instrumentiert, bleibt dabei jedoch stets zurückhaltend und entspannt in seiner Wirkung. Oder, wie es der Künstler selbst sagt, ein »Album fürs Wohnzimmer – nicht zu laut, nicht zu abgefahren«.
»My Days Of 58« ist das achte Album von Bill Callahan und sein erstes seit 2022. Die zwölf Songs auf diesem Album eröffnen eine unheimliche Tiefe des Ausdrucks, während Bill weiterhin einen der originellsten Wege im Songwriting und in der Performance beschreitet. Indem er die lebendige, atmende Energie seiner Konzerte in die Produktion dieses Albums einfließen lässt, schärft er seine Porträts aus dem Leben, um tiefer zu gehen, und setzt einen Strom von Mitsing-Bewusstsein frei: poetisch, filmisch, romanhaft, komödiantisch – und vor allem musikalisch.
Das größte Ereignis des heutigen Tages ist für mich allerdings die Veröffentlichung von Bill Callahans „My Days Of 58“. Das ist eines dieser Alben, wie Songwriter sie erst machen können, wenn sie bereits einen langen Weg und einige Krisen hinter sich haben - aber nur, wenn sie noch im Vollbesitz ihrer kreativen Kräfte sind. Bob Dylans „Time Out Of Mind“ gehört natürlich in diese Kategorie. „Aerial“ von Kate Bush, „Gone Again“ von Patti Smith, „The Impossible Bird“ von Nick Lowe, Leonard Cohens „I’m Your Man“, Iris Dements „Sing The Delta“, Gil Scott Herons „I’m New Here“ (mit einem Titelsong von Callahan natürlich) oder Van Morrisons „Remembering Now“ aus dem vergangenen Jahr fallen mir auch noch ein. Lebenssatte Alben, die nicht den Sturm und Drang, die Unmittelbarkeit und die Frische der frühen, längst zu Klassikern gewordenen Platten haben, dies aber mit einer Fülle von Geschichte, einem Reichtum an Erfahrung und einer existenziellen Direktheit wettmachen. Da solche Alben nur alle Jubeljahre mal erscheinen, schien es mir geradezu unausweichlich, das ganze „Wohnzimmer“ „My Days of 58“ zu widmen. Irgendwer muss diese Grundversorgung ja leisten.
Natürlich hat Bill Callahan, der seine Musik die ersten 16 Jahre seiner Karriere unter dem Pseudonym Smog veröffentlichte, schon viele tolle Platten veröffentlicht. In den Neunzigern sang er etwa davon, wie er als siebenjähriger Junge davon träumte, in einer von der Kette gelassenen Taucherkugel zu leben und wie ein verlorener Seemann durch die Meerestiefen zu irren. Oder er erzählte, wie er aus den Dingen, die seine Verflossene in seiner Wohnung hinterlassen hatte, eine Puppe bastelte, die er zärtlicher lieben konnte als jene Ex. In Smog-Songs finden sich Zeilen wie: „I was worse than a stranger / I was well-known“ oder „Dress sexy at my funeral, my good wife / For the first time in your life“. Callahan trug sie ohne eine Regung in der Stimme vor. Er war der Buster Keaton des Zwischenmenschlichen.
Ich habe über die Jahre öfter mit ihm gesprochen. Einmal kam er sogar mit seiner Gitarre auf dem Rücken in unsere Münchner Redaktion. Ein schweigsamer, zögerlicher Mann, dessen Antworten den Liedern meist nicht viel hinzufügten. Aber ich erfuhr einiges über seine musikalischen Vorbilder, die ich seitdem auch heraushöre in seinen Liedern. Blues-Legenden wie John Lee Hooker oder den Sänger und Gitarristen Boubacar Traoré aus Mali etwa. Aber vor allem Lou Reed, wie er mir in einem Interview erzählte, das ich mit ihm und Will Oldham zu ihrem gemeinsamen Cover-Album „Blind Date Party“ von 2021 führte, auf dem sich ihre Version des Reed-Songs „Rooftop Garden“ befindet.
„Lou Reed hat mir beigebracht, wie man singt und schreibt“, so Callahan. „Ohne ihn wäre ich nicht der, der ich jetzt bin. Er hat mir irgendwie die Erlaubnis gegeben, poetisch zu sein, aber auch die Erlaubnis, nicht poetisch zu sein. Viele seiner besten Sachen sind sehr nüchtern … Sowohl die Poesie als auch die elementaren Dinge, die das Leben ausmachen, können poetisch sein.“ (Wenn ihr meinen Text über die Wave Pictures in der neuen Ausgabe gelesen habt, werdet ihr wissen, dass David Tattersall ein ganz ähnliches Verhältnis zu Reed hat.)
Callahan war der große Einzelgänger, der Musik machte, um sich die Welt vom Leib zu halten und trotzdem mit ihr kommunizieren zu können. Aus seiner Songwriter-Taucherglocke heraus, die sich schließlich ein bisschen hob, als er aus dem kalten, dunklen Chicago nach Texas zog. Doch vor zwischenmenschlichen Katastrophen, die es stoisch zu überwinden galt, blieb er auch dort nicht gefeit. „It's never easy to say goodbye to the faces / So rarely do we see another one / So close and so long“, sang er auf einem Album mit dem Titel „Apocalypse“ über eine Trennung (wohl von der Songwriterin Joanna Newsom). „I asked the room if I'd said enough / No one really answered / They just said, ,Don't go, don't go / Don't go, don't go, don't go‘ / All this leaving is never ending.“
Und dann hörte das Verlassen und Verlassenwerden doch auf. Er verliebte sich, er heiratete, er wurde Vater. Sein Selbstbild des Einzelgängers fiel in sich zusammen. Wie geht man damit um? Man geht in Therapie. Man liest C. G. Jung. Man entwickelt eine Schreibblockade, so groß, dass man sie vom Weltall aus sehen kann – wie die Chinesische Mauer. Sechsmal musste die Erde die Sonne umrunden, bis er Lieder für ein neues Album beisammen hatte.
„Well, it's been such a long time“, begrüßte Callahan uns dann im Mai 2019 endlich. „Why don't you come on in? / I kept the old door / And I cut down the pines / To make a new floor.“ Es waren die Kiefern aus seiner 14 Jahre zuvor erschienenen Umdichtung des unheimlichen alten Folk-Songs „In The Pines“, in der es um Untreue ging, um Gewalt und Tod. Nun hatte er den dunklen Wald abgeholzt, um ein Heim für seine Familie zu bauen. „The panic room is now a nursery“, informierte er uns. Und: „I got married to my wife, she's lovely / And I had a son / Giving birth nearly killed me / Some say I died / And all that survived was my lullabies.“
„Shepherd In A Sheepskin Vest“ hieß dieses Doppelalbum, das zugleich eine Neugeburt des Songwriters Bill Callahan war. Er erzählte nicht mehr von der Dunkelheit, sondern vom Licht, mit dem er seine dunkle Seele ausleuchtete, das sein Sohn sah, als man ihm bei der Geburt das Blut von den Augen wischte und das seine Mutter zurückließ, als sie starb. Ich kenne kein anderes Album, das die Erfahrung, Vater zu werden und zu merken, wie das eigene Gefühlsleben von links auf rechts gekrempelt wird, besser beschreibt als dieses. Könnte natürlich sein, dass mein Blick getrübt ist, weil ich im Jahr von „Shepherd In A Sheepskin Vest“ selbst Vater wurde. Die neue Rolle führte Callahan auf den folgenden Alben „Gold Record“ (2020) und vor allem „YTILAER“ (2022) jedenfalls fort. Wobei sich auf letztgenanntem, wie der Titel schon nahelegte, die Realität – in diesem Fall die Pandemie und die politische Lage in den USA – im idyllischen Familienteich spiegelte.
Auf dem neuen Album „My Days Of 58“ ist es zunächst nicht die Welt, die das Idyll stört, sondern der Tod. Im Dezember 2024 war bei ihm Darmkrebs diagnostiziert worden. „Why do men sing?“, fragt Callahan im ersten Song, warum singt der Mensch? Dann erzählt er in einem schunkelnden Country-Song eine kleine Geschichte. Er beginnt mit der Anreise zu einem Konzert. Durch Nacht und Regen. Vom Auftritt selbst erfahren wir nichts. Danach sitzt er in seiner Garderobe, verzehrt kaltes Essen und wartet vergeblich auf einen alten Freund. Er weiß nicht, wohin mit sich und seinen Gefühlen und seiner Energie – „no one for my little heart to hold/ You can’t bottle the power that surges through you up here, you know/ Watch your ear van Gogh!/ Tear all the workflow take in the tableau.“ Tja, warum singt der Mensch? Die Antwort kommt verschlüsselt.
„Now listen to this“, singt Callahan, „I had a bad dream“. Dann erzählt er von diesem Albtraum, in dem er sich angstvoll vor dem nahenden Tod versteckt. Als er sich aus seinem Versteck herauswagt, steht vor ihm ein ganz in Weiß gekleideter Lou Reed und begrüßt ihn mit einem warmen Handschlag, während eine Gitarre Panik schiebt und eine Bläsersektion aus Posaune und Saxofon beschwichtigend Van Morrisons Caledonian Soul heraufbeschwört. Das muss wohl der Himmel sein. Wenn man weiß, dass Callahan die Wörter „dream“ und „song“ in seinen Lyrics oft Synonym verwendet und Lou Reed derjenige war (s.o.), der ihn zum Songwriter machte, hat man den Schlüssel zu diesem Lied. „Why do men sing?“ Weil Lieder das kleine Herz umarmen, die Flaschen sind, in die sich die Kraft, die durch einen fließt, abfüllen lässt.
Es sind vor allem der Saxofonist Dustin Laurenzi, der an dieser Stelle oft gepriesene Storyteller unter den Schlagzeugern, Jim White, und der Gitarrist Matt Kinsey, die Callahan auf diesen Songs begleiten. Diese Band hat schon sein letztes Live-Album zu einer Offenbarung gemacht. „Resuscitate!“ hieß es, auf Deutsch: Wiederbeleben! Wenn der Songwriter sich auf dem neuen Album im Angesicht des Todes an den teuflischen Tumor wendet – „I saw that demon inside me / Trying to claim my body as its own / Invader, enslaver, little headstone / Tell me, has it grown?“ –, schenken die treuen Begleiter ihm den Herzschlag. „Yeah we take life seriously, laugh in the face of death“, singt Callahan, während White auf dem Rand seiner Snare klappert. „We take life seriously, laugh in the face of death.“ Dann lacht er irre.
Songwriting hätte ihm die Chance gegeben, nicht nur mit anderen, sondern auch mit sich und den Geistern zu kommunizieren, erzählt er anschließend. Als er mit seinen Liedern auf Reisen ging, hätten ihm die Mädchen schöne Augen gemacht: „I remember one girl in East Tennessee, where girls in songs always seem to be / She said you should spend the night … looking for a hotel.“ Was wie eine Rockstar-Prahlerei beginnt, mündet im Comic Relief und endet mit einem wichtigen Ratschlag: „It’s important to not treat your lifeboat like a yacht.“ Das Rettungsboot ist keine Yacht.
Dass die Gitarre in Zeiten der Einsamkeit, Trauer und Verwirrung schließlich das Gegenüber ersetzte, ließ ihn fragend zurück: „Is this creativity or pathology?/ Am I the Pathol O.G.?“ Nutze ich die Kunst nicht nur, mir die Welt vom Leib zu halten, bin ich Künstler oder der Pionier, der O.G., also: der Original Gangster eines Krankheitsbildes – immer mit einem Fuß auf der Himmelsleiter? „Jacob’s Ladder never seemed so tall/ Sometimes I wonder does it ever stop growing at all.“
Er erzählt von dunklen Momenten, an denen er alle Hilfe zurückweist – „funny how the same landscape/ Looked beautiful yesterday/ Got to learn to see beauty/ In the gray“. Und die Kiefern, die Symbole des Unheimlichen, aus denen er ein Heim gezimmert hat, sind zurück, allerdings scheinen sie nun in Tablettenform als Antidepressivum gereicht zu werden: „I'm going to take a walk among the Zoloft pines / Where Tufted Lexapro sings a song so fine.“ Und der Wind bläst wie ein Bebop-Trompeter oder wie der Erzengel Gabriel zum Jüngsten Gericht.
Doch als die Katastrophe ausbleibt und die unheilvollen Wolken sich verzogen haben, geben sie die Sicht frei auf die lange Reise eines Lebens. Auf Städte, Landschaft und die Highways, die immer noch Callahans große Liebe sind – wenn auch aus der Ferne. Er zitiert aus Don McLeans „Vincent“ („starry starry night“) und Francis Bacons „O Friendship“ („Whosoever is delighted in solitude, is either a wild beast or a god“, ursprünglich stammt der Ausspruch allerdings von Aristoteles). Und dann findet er sich passiv vor einem Computer sitzend wieder, der ihn fragt: „Are you human?“ Eine Frage, die sich angesichts seiner Reaktion auf alles, was er da online sieht, gar nicht mehr so leicht beantworten lässt. Am Ende steht er auf und singt: „I am not a robot and I never will be“ und fordert uns alle auf mitzusingen.
Das Menschliche findet er bei seinen Kindern, die Quellen der Empathie und Schönheit sind, die ihm von seinem Vater einst verwehrt wurden – „Dad, you dropped a bomb on me / When I was 30 / You said you got by without a father so you figured why should I have one / Okay, okay – It made me wonder though / Can you get by without a son?“ Sein Vater war es, erinnert man sich, der ihm als Siebenjähriger bereits den Traum von der Taucherkugel zerstört hatte: „When I was seven / My father said to me / ,But you can't swim‘ / And I’ve never dreamed of the sea again.“
Doch ein halbes Jahrhundert später singt er: „Let me tell you something, you never knew, Dad, I’m just like you“ und fügt in einer Art Metanarration hinzu, dass diese Zeilen zwar in der Mitte des Songs stünden, er sie aber erst ganz am Ende hinzugefügt habe, „I don’t know if they’re true“. Er fragt sich, was seine Kinder, wenn sie erwachsen sind, wohl über ihn denken werden. In einem späteren Song mit dem Titel „And Dream Land“ steht er an einer Straße. Es regnet, und in jedem vorbeifahrenden Auto sitzt sein Vater am Steuer.
Am Ende des Albums schaut Callahan in die Morgendämmerung, alles ist ruhig und friedlich vor seinem Fenster, und er singt zu meditativen Flöten und Drones: „Nothing has changed and nothing ever will.“ Er bezeugt hier wohl das, was Camus mal die „zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“ nannte. 16 Jahre nachdem er sich mit den Zeilen: „It's time to put God away, I put God away / This is the end of faith, no more must I strive / To find my peace, to find my peace in a lie“, von Gott verabschiedete, steht die Einsicht, dass wir den Sinn, die Solidarität und die Liebe, die aus unserer Welt einen Ort machen, an dem wir uns zu Hause fühlen, nur selbst hineinlegen können. „My Days Of 58“ ist in diesem Sinn – jedenfalls für mich – ein großes Geschenk.
(Maik Brüggemeyer, Rolling Stone Newsletter Wohnzimmer, Folge 93: Warum singt der Mensch?)