| Courtney Barnett: "Creature Of Habit" (Virgin/Fiction/Mom+Pop, März 2026) |
[Things Take Time, Take Time. (2021)]
Mehr ...
Courtney Barnett veröffentlicht ihr viertes Studioalbum »Creature Of Habit«, darunter die Single »Site Unseen« mit Waxahatchee.
»Creature of Habit« markiert einen entscheidenden neuen Abschnitt in Courtney Barnetts musikalischer Entwicklung. Es ist ein mutiges, emotional bewegendes Album, das sich mit der zentralen Frage beschäftigt: Wie kann man sich selbst aus dem Weg gehen, um sein Leben wirklich zu spüren? Geschrieben nach ihrem Umzug von Australien nach Los Angeles und der Schließung ihres langjährigen Labels Milk! Records, hatte Barnett mit Veränderungen zu kämpfen, die sowohl ihre Zukunft als auch ihre Karriere in Frage stellten. Anstatt diese Gefühle zu verinnerlichen, beschloss sie, all diese wirbelnden Verwirrungen direkt in den Aufnahmeprozess einfließen zu lassen.
Following three Top Five albums in her native Australia, Courtney Barnett took her longest break between records yet, waiting nearly five years to deliver the follow-up to 2021's presciently titled Things Take Time, Take Time. That period was one full of personal and professional upheaval for Barnett, including the shuttering of her career-long label, Milk! Records, and a relocation from Melbourne across the ocean to Los Angeles. There's a restless quality to the self-scrutinizing Creature of Habit that hasn't been as conspicuous in her music since her debut. Although it doesn't re-capture that album's angsty, barbed qualities, it does embody a similar nerviness in combination with the more singer/songwriter-oriented rock reflections of what came in between. Some of the album's mercurial nature may be due to the involvement of four producers -- Barnett, TTTTT's Stella Mozgawa, John Congleton (St. Vincent, Death Cab for Cutie), and Marta Salogni (Black Midi, Sharon Van Etten) -- but much of it can likely be attributed to wide-ranging emotions. For instance, Creature of Habit opens with the bluntly confrontational "Stay in Your Lane," an angular, punk-inflected tune with a message directed at herself. The next track, "Wonder," takes a dreamier, more reflective approach to Barnett's contemplating what others think of her. She wonders over humming keys and a pleasantly rhythmic jangle similar to the bittersweet Waxahatchee duet "Site Unseen." Produced by Congleton, the latter song is about letting go, moving on, and deciding, "Let's figure out the rest another day." Tracks like the midtempo rocker "One Thing at a Time" and the quirky, new wavy "Same" play with distortion or eerie synth timbres, respectively, while taking on the more-frustrated, cynical feelings that often come with change. Elsewhere, she looks for a sign in the praying mantis that appears on her studio door on the musically breezy yet lyrically unsettled "Mantis." Things take a more optimistic turn on the closer, "Another Beautiful Day," which pushes through the doubt, if with deliberate effort, eventually turning the song's title into an anthem.
(by Marcy Donelson, All Music Guide)
|
| Motorpsycho: "The Gaia II Space Corps" (NFGS, März 2026) |
[Motorpsycho (2025)]
Mehr ...
»The Gaia II Space Corps« ist ein Album, das nicht ganz nach Heavy Metal oder Hard Rock klingt, aber eindeutig die Qualitäten dieser Genres aufgreift. Es ist Post-Psychedelic und Prä-Metal und nah an einem echten Classic-Hard-Rock-Album, zumindest so nah die Band Motorpsycho diesem jemals kommen wird.
»The Gaia II Space Corps« ist ein kurzes, knappes, eingängiges und mitreißendes Album, das dort anknüpft, wo die Tracks Stanley und The Comeback vom letzten Album aufgehört haben. Die Instrumentierung besteht größtenteils aus Gitarren, Gitarren und noch mehr Gitarren, doch es gibt auch eine ganze Menge Gesang sowie gelegentlich den einen oder anderen Keyboard-Sound.
Vor allem aber ist es Gitarrenmusik, die - nun ja, rockt! Und zwar heftig!!
...kein Retro-Abklatsch, sondern eine leidenschaftliche Verneigung vor der Historie, die lebt, solange jemand sie mit solcher Hingabe und Virtuosität spielt.
(GoodTimes, April/Mai 2026)
|
| The Monochrome Set: "Lotus Bridge" (Tapete, März 2026) |
[Eligible Bachelors (1982)]
[Fabula Mendax (2019)]
Mehr ...
Mit »Lotus Bridge« präsentieren The Monochrome Set ein eindrucksvolles neues Kapitel ihres kultisch verehrten Post Punk-Kosmos. Seit Ende der 70er prägt die Band als Kultformation der britischen Szene einen eigenen, sofort wiedererkennbaren Stil: melodiöser Gitarrenpop, lakonischer Gesang, literarisch geschärfter Humor.
Als »Band der Bands« gelten sie seit Jahrzehnten als maßgeblicher Einfluss für Künstler wie Johnny Marr, Graham Coxon, Neil Hannon, Jarvis Cocker oder Iggy Pop – stets stilprägend, aber bewusst abseits des Mainstreams. Das neue Album basiert auf einem wiederkehrenden Traum, den Bid in eine atmosphärische, leicht psychedelische Erzählreise verwandelt. E-Piano, Akustikgitarre und weit gefächerte E-Gitarren verleihen dem Werk einen fokussierten, beinahe orchestralen Klang, während Ambient-Sounds die Stücke zu einem geschlossenen Ganzen verweben.
Bids Texte bleiben poetisch, erzählerisch, surreal und gesellschaftlich fein beobachtend. Besonderen Kontext erhält »Lotus Bridge« durch Bids kürzlich erschienenes Buch »Strange Young Alien«, das ausgewählte Songtexte vereint und tiefe Einblicke in seinen Schreibprozess gibt. Das Verständnis dieser literarischen Ebene macht die neue Musik noch faszinierender.
Seit den 2010ern befindet sich die Band in einer späten kreativen Hochphase, gestützt durch ihre langjährige Homebase Tapete Records.
|
| The Delines: "The Set Up" (Decor/el Cortez, März 2026) |
[Richmond Fontaine]
Mehr ...
Die Delines waren gerade dabei, die Aufnahmen zu »Mr. Luck & Ms. Doom« abzuschließen, als Willy einen Song namens »Walking With His Sleeves Down« mitbrachte. Sängerin Amy Boone lernte ihn auf dem Klavier und die Band nahm ihn live auf. Die Aufnahme war umwerfend, aber der Song passte nicht ganz zum Album, also legten sie ihn zusammen mit »The Reckless Life«, »Dilaudid Diane« (zu hören in ihren aktuellen Zugaben) und »Jumping off in Madras« beiseite. Der Song funktionierte klanglich, aber auch hier passte der Text nicht ganz, und als sie das Album fertiggestellt hatten, konnte Willy nicht aufhören, Songs dafür zu schreiben.
Die Opioid-Epidemie in den USA, bei der Tausende junger Menschen süchtig sind und in Zelten, auf der Straße, in alten Autos und Wohnmobilen leben, beeinflusste »Luck and Doom«, aber noch mehr »The Set Up«. Ihr treuer Produzent John Morgan Askew war wieder am Ruder, und er ist der König darin, atmosphärische Welten zu erschaffen. Das spürt man bei diesem Album wirklich. Als wir fertig waren, wurde ihnen klar, dass »The Set Up« die eigensinnige, fehlgeleitete und einsame Schwester von »Mr. Luck & Ms. Doom« war. Mehr zerzaust und unfertig, aber alles in CinemaScope Delines.
|
| The Notwist: "News From Planet Zombie" (Morr Music, März 2026) |
Mehr ...
Schöne Melancholie
Für ihr neues Album »News From Planet Zombie« haben The Notwist ihre gesamte Liveband ins Studio geholt.
Statt nur drei Musiker nahmen diesmal bis zu elf Leute gemeinsam auf. Dieser erhöhte Aufwand zahlt sich aus: Die üppige Instrumentierung mit Vibraphon, Trompete, Klarinette und weiteren Instrumenten verleiht den oft melancholisch-schönen Indie-Pop-Songs einen wunderbar warmen Klang. So wird »News From Planet Zombie« zu einem weiteren Meilenstein in der vielseitigen Karriere von The Notwist.
Mit »News From Planet Zombie« kehren The Notwist nach Jahren des Experimentierens und Erforschens mit einem Album zurück, das sowohl melancholisch als auch positiv ist und sich durch eine Reihe spannender, leidenschaftlicher Popsongs auszeichnet. Es ist ein Album, das eine chaotische Welt widerspiegelt, aber mit Wärme und Großzügigkeit darauf reagiert, um kreative und spirituelle Konsolidierung zu erreichen.
Aufgenommen in ihrer Heimatstadt München, knüpft es an die Sicherheit des Lokalen an, um die Probleme des Globalen zu erforschen: ein Leitgedanke, der sich durch alle elf Songs des Albums zieht. Es ist auch das erste Studioalbum seit »12« aus dem Jahr 1995, das die gesamte Band in ihrer erweiterten Live-Besetzung gemeinsam im Studio aufgenommen hat.
Ein neues Album von The Notwist ist immer ein spannendes Unterfangen; ihre musikalische Sprache ist ebenso konsistent und widerstandsfähig wie die Kontexte für ihre Kreativität unvorhersehbar und sich ständig verändernd sind.
|
| Bonnie 'Prince' Billy: "We Are Together Again" (Domino, März 2026) |
Mehr ...
Vertraute Atmosphäre
Mit »We Are Together Again« präsentiert Will Oldham, besser bekannt als Bonnie ›Prince‹ Billy, ein neues Album, das seinen Titel lebendig werden lässt.
Der Indie-Folk-Singer-Songwriter hat die zehn neuen Songs in seiner Heimatstadt Louisville, Kentucky, aufgenommen – gemeinsam mit lokalen Musikern, langjährigen Weggefährten und seinem Bruder Ned. Diese vertraute Atmosphäre spiegelt sich im warmen, einfühlsamen Klang des Albums wider und macht es zu einem besonders persönlichen Hörerlebnis.
Bonnie ›Prince‹ Billy kehrt im März 2026 mit dem Album »We Are Together Again« zurück. Das Album ist warm und persönlich und außerdem so angelegt, dass es mit denselben Worten beginnt und endet: »Why is the lion still here, outside?«
Thematisch ist das Album tief in Louisville, der Heimatstadt von Bonnie »Prince« Billy, verwurzelt. Es feiert die Kraft von Freundschaft, lokaler Gemeinschaft und gemeinsamem künstlerischem Schaffen. Damit setzt es bewusst einen Kontrapunkt zur Globalisierung und plädiert stattdessen für Lokalismus. Aufgenommen wurde es live im Studio End of an Ear mit lokalen Musikern und Musikerinnen, Freunden und Freundinnen und Familienmitgliedern. Jeder Ton ist direkt und unverfälscht – was im Raum passiert, hört man auch auf der Aufnahme.
»We Are Together Again« nimmt die Ängste einer sich verändernden Welt nicht weg, sondern begegnet ihnen mit Harmonie. Das Album erzählt von Zusammenhalt, von der Freude am Miteinander und davon, wie das gemeinsame Fragen selbst zur Quelle von Hoffnung wird.
|
| The Wave Pictures: "Gained/Lost" (Bella Union, Feb. 2026) |
[Cover The Cover]
Mehr ...
Klassisches Songwriting, virtuose Musikalität und traumhafte Texte. The Wave Pictures kehren mit „Gained / Lost“ zurück, einem Album, das 60er-Jahre-Garage-Rock, 70er-Jahre-Classic-Rock und 90er-Jahre-American-Indie mit dem DIY-Spirit verbindet, der die Band seit fast drei Jahrzehnten prägt.
Auf dem gesamten Album fangen David Tattersall (Gitarre und Lead-Gesang), Franic Rozycki (Bass) und Jonny Helm (Schlagzeug) die Freude am gemeinsamen Musizieren ein – eine Chemie, die ihren Status als eine der beständigsten Kultbands Großbritanniens gefestigt hat. Wie sein Vorgänger wurde „Gained Lost“ von Jim Riley in den Ranscombe Studios in Rochester innerhalb von sieben Tagen Anfang 2024 aufgenommen. Riley, der bereits bei mehreren Projekten mit der Band zusammengearbeitet hat, darunter „Great Big Flamingo Burning Moon“ und „Bamboo Diner In The Rain“, fängt The Wave Pictures live und ungefiltert ein - so, wie sie es beim Recording bevorzugen.
Auf dem gesamten Album ist David Tattersalls Gitarrenspiel einfallsreich, melodisch, emotional und virtuos. Manchmal ist es so lyrisch wie das von Jerry Garcia, manchmal so spitz und haarfein wie das von Tom Verlaine, aber immer emotional und genau auf den Song abgestimmt. Kein Wunder, dass Marc Riley David Tattersall als „den größten Gitarristen seiner Generation” bezeichnet.
|
| Buck Meek: "The Mirror" (4AD, Feb. 2026) |
[Big Thief |
Jolie Holland |
Jonathan Wilson]
Mehr ...
Mit »The Mirror« legt Buck Meek, Gitarrist von Big Thief, sein viertes Soloalbum vor - ein feinfühliges Werk über Sprache, Identität und das ständige Sich-Verändern. Freunde und Weggefährt:innen wie Adrianne Lenker, Jolie Holland oder Tucker Zimmerman wirken mit und hinterlassen ihre Spuren nicht nur musikalisch, sondern auch in den Texten. Meek begreift Songwriting als gemeinschaftlichen Prozess und nutzt den Spiegel als zentrales Bild: nicht zur Selbstbespiegelung, sondern als Gegenüber, das Fragen stellt.
Aufgewachsen in einer kunst- und literaturgeprägten Familie in Texas, sammelte Meek früh vielfältige musikalische Erfahrungen - von Blues über Jazz bis Folk. Diese Offenheit prägt auch The Mirror. Gemeinsam mit Produzent James Krivchenia verbindet er die Live-Energie einer Band mit subtilen elektronischen Texturen. Die Aufnahmen entstanden in einem experimentellen, offenen Setting, das Spontaneität über Perfektion stellt. In seinen Songs geht es um Nähe, Verletzlichkeit und die Brüchigkeit von Erinnerung. Wortspiele, Spiegelungen und innere Dialoge machen Sprache selbst zum Thema. Angst und Zweifel erscheinen dabei nicht als Gegenspieler, sondern als Begleiter. The Mirror erklärt nicht - es hört zu, tastet sich vor und lädt dazu ein, dem Unbekannten mit Neugier zu begegnen.
|
| The Green Apple Sea: "Dark Kid" (K&F, Feb. 2026) |
[Northern Sky - Southern Sky (2010)|
Missouri]
Mehr ...
Zeit scheint in der Welt von The Green Apple Sea keine feste Größe zu sein – und genau das prägt auch »Dark Kid«. Das neue Album der Nürnberger Band ist kein Werk, das sich aufdrängt oder schnelle Wirkung sucht. Feinster Indie-Folk mit Americana Einflüssen. Erscheint als CD und Vinyl-LP auf K&F Records.
Sänger und Songwriter Stefan Prange erzählt darin episodisch von seiner Kindheit und Jugend: Von Verletzungen, Normalitäten im Unnormalen, von Erfahrungen, die erst im Rückblick ihre Schwere offenbaren. Doch »Dark Kid« ist kein Trauma-Album. Es verwandelt Traurigkeit in Melancholie, Bitterkeit in leise Akzeptanz und Wut in Offenheit. Die Folksongs sind warm, rund und zeitlos. Pranges Texte tragen eine pragmatische Naivität in sich, die berührt, ohne zu dramatisieren. Zeilen wie ›I wasn't afraid to die, I was just waiting to die‹ stehen nicht für Verzweiflung, sondern für ein kindliches Annehmen der Welt, wie sie ist. Musikalisch wird diese Haltung von feinen Harmoniegesängen, einer behutsamen, dichten Produktion von Christian ›Wuschi‹ Ebert und einer Liebe zum Detail getragen, die sich erst beim wiederholten Hören vollständig erschließt.
»Dark Kid« funktioniert wie eine leise Serie alter Schule: Jede Episode vertreibt einen Dämon, hält am Ende eine Hand oder findet Trost im gemeinsamen Lachen. Im letzten Song verdichtet sich alles zu einem einfachen Gedanken: Es geht um Liebe – darum, das Leben anderer ein kleines Stück besser zu machen. Ein stilles, tiefes Album, das lange nachhallt.
|
| Iron & Wine: "Hen's Teeth" (Sub Pop, Feb. 2026) |
Mehr ...
Die Indie-Folk-Ikone Sam Beam, auch bekannt als Iron And Wine, bringt ein neues Studioalbum raus, das voll mit wunderschöner, natürlicher Americana ist, darunter zwei Kollaborationen mit dem weiblichen Folk-Trio I'm With Her. »Ich wollte schon immer diesen Titel verwenden«, sagt Sam Beam über »Hen's Teeth«, sein achtes Album in voller Länge und sein sechstes für Sub Pop Records. »Ich liebe ihn einfach. Für mich steht er für das Unmögliche. Hühnerzähne gibt's nicht. Und genau so fühlt sich dieses Album an: wie ein Geschenk, das es eigentlich nicht geben dürfte, aber doch da ist. Eine unmögliche Sache, aber sie ist real.«
»Hen's Teeth« und sein vorheriges Album »Light Verse« sind so was wie Geschwister. Sie wurden während derselben Sessions nach einer einjährigen Pause mit derselben Band im Waystation Studio in Laurel Canyon aufgenommen. »Wenn ich gerade richtig in Schreiblaune bin und die Band mich dort abholt, wo ich gerade stehe, treiben sie mich zu etwas, das ich mir nicht hätte vorstellen können. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, an dem Spontaneität für mich viel wichtiger ist. Ich muss nicht mehr so viel beweisen wie früher. Ich bin viel freier und liebe es mehr denn je, Musik zu machen. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten. Man betet einfach um Glück und gibt sein Bestes.«
In diesem Fall wurden die Gebete erhört und das Glück schlug voll zu. Die Musiker fanden so schnell zueinander und inspirierten sich gegenseitig so sehr, dass sie Songs oft in nur wenigen Takes aufnahmen, manchmal zwei oder drei pro Tag. Die beiden Alben können daher als zweieiige Zwillinge betrachtet werden: Sie teilen sich die DNA und ergänzen sich, haben aber unterschiedliche Identitäten und zeichnen sich ebenso durch ihre Unterschiede wie durch ihre Gemeinsamkeiten aus. Die Welt von »Hen's Teeth« ist erdiger, dunkler, robuster und greifbarer als die von »Light Verse«. Die Songs haben Titel wie »Roses«, »Robin's Egg«, »Dates and Dead People« und »Singing Saw«. »Run into the one you love forever / Laugh into each other's empty mouth«, singt Beam in »Roses«, dem ersten Titel des Albums. Es ist einer von mehreren Songs, in denen Liebende so tief miteinander verbunden sind, dass sie physisch verschmelzen. »Paper and Stone« erinnert daran: »But for the time we fell in two / You'd be me and I'd be you / One crust of bread could fit in our mouths / You'd breathe in and I'd let it out.« Und in »In Your Ocean« finden wir Beam betend: »Praying for dry ground / Though I only want to drown / When I find myself swimming in your ocean«.
|
| The Matthews Baartmans Conspiracy: "(Distant Chatter)" (Plane Groovy, Okt. 2021) |
[The New Mine (Matthews Southern Comfort, 2020) |
How Much Is Enough - Volume One (2024)]
Konzerthighlight: Blue Notez, Dortmund, 07.03.2026
Eigentlich hätte ich dieses Konzert verpassen müssen, obwohl ich die Karte bereits im letzten Herbst geordert hatte, denn wir hatten
unseren Studiotermin mit W4L auf dieses Wochenende gepackt, wo ich mittelschweren Herzens zugestimmt hatte. Nur "mittelschwer" insofern,
weil ich Iain Matthews bereits mehrfach live gesehen hatte und annahm, da auch nichts "Wichtiges" zu verpassen. Die Karte wollte ich
also verfallen lassen. Dann mussten wir den Studiotermin aber noch ein weiteres Mal verschieben und als Trost konnte ich mich nun doch
noch nach Dortmund aufmachen!
Die Anreise mit dem Auto war wegen einer Vollsperrung auf der A42 und einer Umleitung mitten durch Herne ziemlich nervig. Verspätet kam
ich in Dortmund an, fand dann den Club "Blue Notez", der sich im Keller eines Schulzentrums befindet, nur mit Mühen wieder, weshalb Iain
Matthews bereits mitten in seinem ersten Set war. Zu meinem Glück gab es aber wenigstens genug Sitzplätze, da nur knapp 50 Zuschauer zu dem
Konzert gekommen waren. Iain Matthews sagte dazu mit Galgenhumor, dass er "im Spätherbst seiner Karriere nur noch mit 15 bis 20 Zuschauern
rechnete" und deshalb hocherfreut über jeden der Anwesenden war. Das Konzert hat er im Duo mit BJ Baartmanns bestritten, mit dem er auch bei
"Matthews Southern Comfort" spielt: Zwei Gitarren, zwei Stimmen, es klang alles wirklich wunderbar. In der Pause habe ich mir dieses Duo-Album
der beiden als Vinyl gekauft und es sogar von Iain, der übrigenz ein sehr netter Mensch zu seinem scheint und für einen fast-80-Jährigen
noch richtig gut rüberkommt, unterschreiben lassen, was ich sonst eher selten tue.
Mehr ...
2017 meldeten sich Matthews Southern Comfort, kurz MSC genannt, mit dem Longplayer "Like A Radio" erfolgreich zurück. 48 Jahre nach ihrem weltweiten #1 Hit, der Coverversion von Joni Mitchell's "Woodstock", neu formiert, mit verjüngter Besetzung, präsentierten sich vor knapp vier Jahren die Singer / Songwriter voll auf der Höhe der Zeit - klangen frisch, modern und innovativ. Das Konzept von Bandgründer Iain Matthews ging voll auf - das musikalische Können, Engagement sowie die ungebremste Spielfreude suchen nach wie vor ihresgleichen und die mehrstimmigen, dahingleitenden Vokalharmonien erinnerten sofort an die Ur-Version der Band.
Im März 2020, kurz vor dem ersten weltweiten Lockdown, veröffentlichten MSC ihr Album "The New Mine". Weltweit feierten die Kritiker den Longplayer, doch ein kleiner Virus aus dem fernen China forderte seinen Tribut: Die Band musste alle Konzerte zur "The New Mine" - Tour absagen, darunter in Deutschland u. a. das Burg Herzberg Festival und in England das bekannte Fairport Convention Cropredy. Zu diesem Zeitpunkt kannten sich Iain Matthews und B. J. Baartmans bereits 17 Jahre. B. J. hatte sich der neu formierten MSC angeschlossen, schrieb Songs für die Alben und produzierte sie auch zusammen mit Iain.
Der Lockdown beflügelte die Kreativität der beiden Singer-/Songwriter. Sie setzten sich zusammen hin, stimmten ihre Gitarren und brachten so Note um Note aufs Papier. Die Idee war geboren: Wir versuchen etwas außerhalb des MSC Kosmos, als Duo, perfekt aufeinander eingestimmt, Songs mit tollen Harmonien und ohrwurmverdächtigen Hooklines. So entstand Matthews Baartmans Conspiracy, das Album "Distant Chatter" und die große Lust, mit rootsmäßigen Americana Songmaterial alsbald wieder auf Tournee zu gehen.
Schlicht gediegen, ausgereift und altersweise agierend, präsentieren sich Matthews und der Multi-Instrumentalist Baartmans als moderne wie zugleich zeitlose Troubadoure und Storyteller.
(Good Times, Dezember 2021/Januar 2022)
|
| Bill Callahan: "My Days Of 58" (Drag City, Feb. 2026) |
[Dream River (2013) |
Ytilaer (2022) |
Resuscitate! (2024)]
Mehr ...
Ein Album fürs Wohnzimmer
Bill Callahan singt auf seinem neuen Album reflektiert und introspektiv über »My Days Of 58«.
Der Singer-Songwriter mit der angenehm sonoren Stimme wird dabei von der Band seiner gefeierten »Reality«-Tour sowie weiteren Musikern unterstützt. Mit Geige, Posaune, Pedal Steel und Klavier ist Bill Callahans Americana-Indie-Folk gewohnt reichhaltig instrumentiert, bleibt dabei jedoch stets zurückhaltend und entspannt in seiner Wirkung. Oder, wie es der Künstler selbst sagt, ein »Album fürs Wohnzimmer – nicht zu laut, nicht zu abgefahren«.
»My Days Of 58« ist das achte Album von Bill Callahan und sein erstes seit 2022. Die zwölf Songs auf diesem Album eröffnen eine unheimliche Tiefe des Ausdrucks, während Bill weiterhin einen der originellsten Wege im Songwriting und in der Performance beschreitet. Indem er die lebendige, atmende Energie seiner Konzerte in die Produktion dieses Albums einfließen lässt, schärft er seine Porträts aus dem Leben, um tiefer zu gehen, und setzt einen Strom von Mitsing-Bewusstsein frei: poetisch, filmisch, romanhaft, komödiantisch – und vor allem musikalisch.
Das größte Ereignis des heutigen Tages ist für mich allerdings die Veröffentlichung von Bill Callahans „My Days Of 58“. Das ist eines dieser Alben, wie Songwriter sie erst machen können, wenn sie bereits einen langen Weg und einige Krisen hinter sich haben - aber nur, wenn sie noch im Vollbesitz ihrer kreativen Kräfte sind. Bob Dylans „Time Out Of Mind“ gehört natürlich in diese Kategorie. „Aerial“ von Kate Bush, „Gone Again“ von Patti Smith, „The Impossible Bird“ von Nick Lowe, Leonard Cohens „I’m Your Man“, Iris Dements „Sing The Delta“, Gil Scott Herons „I’m New Here“ (mit einem Titelsong von Callahan natürlich) oder Van Morrisons „Remembering Now“ aus dem vergangenen Jahr fallen mir auch noch ein. Lebenssatte Alben, die nicht den Sturm und Drang, die Unmittelbarkeit und die Frische der frühen, längst zu Klassikern gewordenen Platten haben, dies aber mit einer Fülle von Geschichte, einem Reichtum an Erfahrung und einer existenziellen Direktheit wettmachen. Da solche Alben nur alle Jubeljahre mal erscheinen, schien es mir geradezu unausweichlich, das ganze „Wohnzimmer“ „My Days of 58“ zu widmen. Irgendwer muss diese Grundversorgung ja leisten.
Natürlich hat Bill Callahan, der seine Musik die ersten 16 Jahre seiner Karriere unter dem Pseudonym Smog veröffentlichte, schon viele tolle Platten veröffentlicht. In den Neunzigern sang er etwa davon, wie er als siebenjähriger Junge davon träumte, in einer von der Kette gelassenen Taucherkugel zu leben und wie ein verlorener Seemann durch die Meerestiefen zu irren. Oder er erzählte, wie er aus den Dingen, die seine Verflossene in seiner Wohnung hinterlassen hatte, eine Puppe bastelte, die er zärtlicher lieben konnte als jene Ex. In Smog-Songs finden sich Zeilen wie: „I was worse than a stranger / I was well-known“ oder „Dress sexy at my funeral, my good wife / For the first time in your life“. Callahan trug sie ohne eine Regung in der Stimme vor. Er war der Buster Keaton des Zwischenmenschlichen.
Ich habe über die Jahre öfter mit ihm gesprochen. Einmal kam er sogar mit seiner Gitarre auf dem Rücken in unsere Münchner Redaktion. Ein schweigsamer, zögerlicher Mann, dessen Antworten den Liedern meist nicht viel hinzufügten. Aber ich erfuhr einiges über seine musikalischen Vorbilder, die ich seitdem auch heraushöre in seinen Liedern. Blues-Legenden wie John Lee Hooker oder den Sänger und Gitarristen Boubacar Traoré aus Mali etwa. Aber vor allem Lou Reed, wie er mir in einem Interview erzählte, das ich mit ihm und Will Oldham zu ihrem gemeinsamen Cover-Album „Blind Date Party“ von 2021 führte, auf dem sich ihre Version des Reed-Songs „Rooftop Garden“ befindet.
„Lou Reed hat mir beigebracht, wie man singt und schreibt“, so Callahan. „Ohne ihn wäre ich nicht der, der ich jetzt bin. Er hat mir irgendwie die Erlaubnis gegeben, poetisch zu sein, aber auch die Erlaubnis, nicht poetisch zu sein. Viele seiner besten Sachen sind sehr nüchtern … Sowohl die Poesie als auch die elementaren Dinge, die das Leben ausmachen, können poetisch sein.“ (Wenn ihr meinen Text über die Wave Pictures in der neuen Ausgabe gelesen habt, werdet ihr wissen, dass David Tattersall ein ganz ähnliches Verhältnis zu Reed hat.)
Callahan war der große Einzelgänger, der Musik machte, um sich die Welt vom Leib zu halten und trotzdem mit ihr kommunizieren zu können. Aus seiner Songwriter-Taucherglocke heraus, die sich schließlich ein bisschen hob, als er aus dem kalten, dunklen Chicago nach Texas zog. Doch vor zwischenmenschlichen Katastrophen, die es stoisch zu überwinden galt, blieb er auch dort nicht gefeit. „It's never easy to say goodbye to the faces / So rarely do we see another one / So close and so long“, sang er auf einem Album mit dem Titel „Apocalypse“ über eine Trennung (wohl von der Songwriterin Joanna Newsom). „I asked the room if I'd said enough / No one really answered / They just said, ,Don't go, don't go / Don't go, don't go, don't go‘ / All this leaving is never ending.“
Und dann hörte das Verlassen und Verlassenwerden doch auf. Er verliebte sich, er heiratete, er wurde Vater. Sein Selbstbild des Einzelgängers fiel in sich zusammen. Wie geht man damit um? Man geht in Therapie. Man liest C. G. Jung. Man entwickelt eine Schreibblockade, so groß, dass man sie vom Weltall aus sehen kann – wie die Chinesische Mauer. Sechsmal musste die Erde die Sonne umrunden, bis er Lieder für ein neues Album beisammen hatte.
„Well, it's been such a long time“, begrüßte Callahan uns dann im Mai 2019 endlich. „Why don't you come on in? / I kept the old door / And I cut down the pines / To make a new floor.“ Es waren die Kiefern aus seiner 14 Jahre zuvor erschienenen Umdichtung des unheimlichen alten Folk-Songs „In The Pines“, in der es um Untreue ging, um Gewalt und Tod. Nun hatte er den dunklen Wald abgeholzt, um ein Heim für seine Familie zu bauen. „The panic room is now a nursery“, informierte er uns. Und: „I got married to my wife, she's lovely / And I had a son / Giving birth nearly killed me / Some say I died / And all that survived was my lullabies.“
„Shepherd In A Sheepskin Vest“ hieß dieses Doppelalbum, das zugleich eine Neugeburt des Songwriters Bill Callahan war. Er erzählte nicht mehr von der Dunkelheit, sondern vom Licht, mit dem er seine dunkle Seele ausleuchtete, das sein Sohn sah, als man ihm bei der Geburt das Blut von den Augen wischte und das seine Mutter zurückließ, als sie starb. Ich kenne kein anderes Album, das die Erfahrung, Vater zu werden und zu merken, wie das eigene Gefühlsleben von links auf rechts gekrempelt wird, besser beschreibt als dieses. Könnte natürlich sein, dass mein Blick getrübt ist, weil ich im Jahr von „Shepherd In A Sheepskin Vest“ selbst Vater wurde. Die neue Rolle führte Callahan auf den folgenden Alben „Gold Record“ (2020) und vor allem „YTILAER“ (2022) jedenfalls fort. Wobei sich auf letztgenanntem, wie der Titel schon nahelegte, die Realität – in diesem Fall die Pandemie und die politische Lage in den USA – im idyllischen Familienteich spiegelte.
Auf dem neuen Album „My Days Of 58“ ist es zunächst nicht die Welt, die das Idyll stört, sondern der Tod. Im Dezember 2024 war bei ihm Darmkrebs diagnostiziert worden. „Why do men sing?“, fragt Callahan im ersten Song, warum singt der Mensch? Dann erzählt er in einem schunkelnden Country-Song eine kleine Geschichte. Er beginnt mit der Anreise zu einem Konzert. Durch Nacht und Regen. Vom Auftritt selbst erfahren wir nichts. Danach sitzt er in seiner Garderobe, verzehrt kaltes Essen und wartet vergeblich auf einen alten Freund. Er weiß nicht, wohin mit sich und seinen Gefühlen und seiner Energie – „no one for my little heart to hold/ You can’t bottle the power that surges through you up here, you know/ Watch your ear van Gogh!/ Tear all the workflow take in the tableau.“ Tja, warum singt der Mensch? Die Antwort kommt verschlüsselt.
„Now listen to this“, singt Callahan, „I had a bad dream“. Dann erzählt er von diesem Albtraum, in dem er sich angstvoll vor dem nahenden Tod versteckt. Als er sich aus seinem Versteck herauswagt, steht vor ihm ein ganz in Weiß gekleideter Lou Reed und begrüßt ihn mit einem warmen Handschlag, während eine Gitarre Panik schiebt und eine Bläsersektion aus Posaune und Saxofon beschwichtigend Van Morrisons Caledonian Soul heraufbeschwört. Das muss wohl der Himmel sein. Wenn man weiß, dass Callahan die Wörter „dream“ und „song“ in seinen Lyrics oft Synonym verwendet und Lou Reed derjenige war (s.o.), der ihn zum Songwriter machte, hat man den Schlüssel zu diesem Lied. „Why do men sing?“ Weil Lieder das kleine Herz umarmen, die Flaschen sind, in die sich die Kraft, die durch einen fließt, abfüllen lässt.
Es sind vor allem der Saxofonist Dustin Laurenzi, der an dieser Stelle oft gepriesene Storyteller unter den Schlagzeugern, Jim White, und der Gitarrist Matt Kinsey, die Callahan auf diesen Songs begleiten. Diese Band hat schon sein letztes Live-Album zu einer Offenbarung gemacht. „Resuscitate!“ hieß es, auf Deutsch: Wiederbeleben! Wenn der Songwriter sich auf dem neuen Album im Angesicht des Todes an den teuflischen Tumor wendet – „I saw that demon inside me / Trying to claim my body as its own / Invader, enslaver, little headstone / Tell me, has it grown?“ –, schenken die treuen Begleiter ihm den Herzschlag. „Yeah we take life seriously, laugh in the face of death“, singt Callahan, während White auf dem Rand seiner Snare klappert. „We take life seriously, laugh in the face of death.“ Dann lacht er irre.
Songwriting hätte ihm die Chance gegeben, nicht nur mit anderen, sondern auch mit sich und den Geistern zu kommunizieren, erzählt er anschließend. Als er mit seinen Liedern auf Reisen ging, hätten ihm die Mädchen schöne Augen gemacht: „I remember one girl in East Tennessee, where girls in songs always seem to be / She said you should spend the night … looking for a hotel.“ Was wie eine Rockstar-Prahlerei beginnt, mündet im Comic Relief und endet mit einem wichtigen Ratschlag: „It’s important to not treat your lifeboat like a yacht.“ Das Rettungsboot ist keine Yacht.
Dass die Gitarre in Zeiten der Einsamkeit, Trauer und Verwirrung schließlich das Gegenüber ersetzte, ließ ihn fragend zurück: „Is this creativity or pathology?/ Am I the Pathol O.G.?“ Nutze ich die Kunst nicht nur, mir die Welt vom Leib zu halten, bin ich Künstler oder der Pionier, der O.G., also: der Original Gangster eines Krankheitsbildes – immer mit einem Fuß auf der Himmelsleiter? „Jacob’s Ladder never seemed so tall/ Sometimes I wonder does it ever stop growing at all.“
Er erzählt von dunklen Momenten, an denen er alle Hilfe zurückweist – „funny how the same landscape/ Looked beautiful yesterday/ Got to learn to see beauty/ In the gray“. Und die Kiefern, die Symbole des Unheimlichen, aus denen er ein Heim gezimmert hat, sind zurück, allerdings scheinen sie nun in Tablettenform als Antidepressivum gereicht zu werden: „I'm going to take a walk among the Zoloft pines / Where Tufted Lexapro sings a song so fine.“ Und der Wind bläst wie ein Bebop-Trompeter oder wie der Erzengel Gabriel zum Jüngsten Gericht.
Doch als die Katastrophe ausbleibt und die unheilvollen Wolken sich verzogen haben, geben sie die Sicht frei auf die lange Reise eines Lebens. Auf Städte, Landschaft und die Highways, die immer noch Callahans große Liebe sind – wenn auch aus der Ferne. Er zitiert aus Don McLeans „Vincent“ („starry starry night“) und Francis Bacons „O Friendship“ („Whosoever is delighted in solitude, is either a wild beast or a god“, ursprünglich stammt der Ausspruch allerdings von Aristoteles). Und dann findet er sich passiv vor einem Computer sitzend wieder, der ihn fragt: „Are you human?“ Eine Frage, die sich angesichts seiner Reaktion auf alles, was er da online sieht, gar nicht mehr so leicht beantworten lässt. Am Ende steht er auf und singt: „I am not a robot and I never will be“ und fordert uns alle auf mitzusingen.
Das Menschliche findet er bei seinen Kindern, die Quellen der Empathie und Schönheit sind, die ihm von seinem Vater einst verwehrt wurden – „Dad, you dropped a bomb on me / When I was 30 / You said you got by without a father so you figured why should I have one / Okay, okay – It made me wonder though / Can you get by without a son?“ Sein Vater war es, erinnert man sich, der ihm als Siebenjähriger bereits den Traum von der Taucherkugel zerstört hatte: „When I was seven / My father said to me / ,But you can't swim‘ / And I’ve never dreamed of the sea again.“
Doch ein halbes Jahrhundert später singt er: „Let me tell you something, you never knew, Dad, I’m just like you“ und fügt in einer Art Metanarration hinzu, dass diese Zeilen zwar in der Mitte des Songs stünden, er sie aber erst ganz am Ende hinzugefügt habe, „I don’t know if they’re true“. Er fragt sich, was seine Kinder, wenn sie erwachsen sind, wohl über ihn denken werden. In einem späteren Song mit dem Titel „And Dream Land“ steht er an einer Straße. Es regnet, und in jedem vorbeifahrenden Auto sitzt sein Vater am Steuer.
Am Ende des Albums schaut Callahan in die Morgendämmerung, alles ist ruhig und friedlich vor seinem Fenster, und er singt zu meditativen Flöten und Drones: „Nothing has changed and nothing ever will.“ Er bezeugt hier wohl das, was Camus mal die „zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“ nannte. 16 Jahre nachdem er sich mit den Zeilen: „It's time to put God away, I put God away / This is the end of faith, no more must I strive / To find my peace, to find my peace in a lie“, von Gott verabschiedete, steht die Einsicht, dass wir den Sinn, die Solidarität und die Liebe, die aus unserer Welt einen Ort machen, an dem wir uns zu Hause fühlen, nur selbst hineinlegen können. „My Days Of 58“ ist in diesem Sinn – jedenfalls für mich – ein großes Geschenk.
(Maik Brüggemeyer, Rolling Stone Newsletter Wohnzimmer, Folge 93: Warum singt der Mensch?)
|
| M. Walking On The Water: "e" (Fuego, Feb. 2026) |
[Lov (2021)]
Mehr ...
... Zwischenzeitlich, wegen dem Jubiläum, und um die Originalbesetzung nochmal zusammen zu holen, haben sie also wieder ein Album aufgenommen. Schlicht „e“ genannt. Es wird für die Vinyl-Auflage eine ganz besondere Edition geben, die wahrscheinlich schnell vergriffen ist. Ebenso wie damals, bei der ersten Single, die in einer Art Wasserhülle erschien, wird „e“ in einer ganz eigenen Verpackung veröffentlicht. Noch ist nicht alles spruchreif, doch die ersten Vorbestellungen können schon über die Webseite vorgenommen werden.
Warum „e“ fragte ich Markus. Er schwieg kurz, um dann zu antworten, dass das letzte Album „lov“ hieß. Da ließ man das „e“ noch weg. Nun, und jetzt also „e“.
Es ist ist immer noch der Hang zum Kuriosen, zum Schalk und um die Ecke denken, der M.Walking on the Water zu einer bodenständigen, aber auch in ihrer Form einzigartigen Truppe macht. „E“ wurde in einer einmaligen Session mit Publikum nahezu unplugged aufgenommen, und beinhaltet daher eine Atmosphäre, die eingefangen, die Vielfalt der Instrumentierung, aber auch begeisterte Stimmung der Band widerspiegelt ...
(www.jazznrhythm.com)
|
| Lucinda Williams: "World's Gone Wrong" (Thirty Tigers/Highway 20, Jan. 2026) |
[Big Thief |
Rain Meditation]
Mehr ...
Aktuell und mitreißend
So aktuell und dringlich wie auf ihrem neuen Album »World’s Gone Wrong« klang Lucinda Williams vielleicht noch nie.
Dabei hat die Songwriter-Ikone noch nie Halt vor persönlichen oder politischen Themen gemacht. Unsere turbulente Zeit scheint der Musikerin aber besonders intensive und mitreißende Songs zu entlocken. Als Mitstreiterinnen sind unter anderem Norah Jones und Mavis Staples mit an Bord.
Während ihrer langen Karriere ist Lucinda Williams nie davor zurückgeschreckt, über schwierige, aber reale Themen zu schreiben. Man könnte »Change The Locks« sogar als ein seiner Zeit vorausgreifendes, aktuelles Lied bezeichnen. Auf ihrem Album »Good Souls Better Angels« finden sich mehrere bissige und mutige Songs, ebenso wie auf dem nach der Pandemie entstandenen Meisterwerk »Stories From A Rock'N'Roll Heart«.
Mit »World's Gone Wrong« legt Lucinda Williams in puncto Aktualität noch eine Schippe drauf. Es ist ein unverfälschtes Spiegelbild unserer sehr turbulenten Zeit, intensiv und musikalisch kraftvoll.
At heart, Lucinda Williams is a blues singer. The blues isn't the sum total of her influences and passions, but it's the backbone of her music, and never far from what she has to say. The blues is a music that speaks to the lives of ordinary people, their desires and their struggles, and so it makes sense that she would find herself compelled to write about the realities of American life in 2025, with politics carving a deepening divide between the American people and economic inequality widening the gulf between the haves and have-nots. Williams was working on a new album a few months into 2025 when a batch of socially conscious songs began cohering in her imagination, and she decided to instead make World's Gone Wrong, an album that appeared in January 2026 and sounds as timely as the morning's news broadcast. There's a lot that Williams is upset about on World's Gone Wrong; more than anything, she sees a world where basic human dignity and fairness have been tossed aside, and those are the themes that dominate these songs. The opening cut, "The World's Gone Wrong," sets the stage with its story of two hard-working people just trying to make ends meet and make it to the end of the day, set to a backdrop of dirty guitars and R&B organ, and the simple relatability of the lyrics and the hard-edged compassion and frustration of Williams' vocals turn it into the most human of broadsides. Stories like this dominate World's Gone Wrong, though "How Much Did You Get for Your Soul" is a pointed salvo at the people in power who made all this happen, and "Something's Gotta Give" and "We've Come Too Far to Turn Around" are full-bodied rallying cries to rise up against the forces of darkness. Williams co-wrote nine of the album's ten songs, the exception being a cover of Bob Marley's "So Much Trouble in the World" with guest vocals from Mavis Staples, who has been singing out against division and want for most of her 86 years. Williams' band -- Doug Pettibone and Marc Ford on guitars, David Sutton on bass, Rob Burger on keyboards, and Brady Blade on drums -- play tough, lean, and passionate on these sessions, knowing just what kind of energy these songs demand, and producers Ray Kennedy and Tom Overby give the recordings a no-frills clarity that finds room for depth and just the right amount of atmosphere. If the songs occasionally betray their short gestation period, Williams sings them with all the conviction she can summon, and this presents some of her best vocal work in years. World's Gone Wrong is an album of its moment that addresses issues that have been with us for centuries, and like a good blues song, they never stop being timely -- and worth singing loud and clear, which is just what Williams does here.
(by Mark Deming, All Music Guide)
|
(2026-04-05)