Die 39 Clocks sind eine der grandiosesten Bands, die Deutschland hervorgebracht hat; der deutsche Popintellektuelle Diedrich Diederichsen bezeichnete sie als die beste deutsche Band der Achtziger. Das legendäre Duo aus Hannover verstieß gegen alle Regeln des Musikbusiness, aber das mit Konsequenz. Und – vor allem – mit Haltung.
Schon das Auftreten der Clocks suchte seinesgleichen: Auf mitunter grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern sehen wir zwei dünne, in Beatnik-Schwarz gekleidete Gestalten. Sie tragen Sonnenbrillen, sind nicht fassbar und nicht einzuordnen, kurzum: ein bisschen unheimlich. Passenderweise wurden ihre bürgerlichen Namen eliminiert („nie welche gehabt“ – Clocks), an deren Stelle traten kryptische Initialen (CH-39, JG-39), die nicht von ungefähr an Bezeichnungen für Molekülketten wie LSD-25 erinnern. Das Unheimliche spiegelte sich in der Musik: brutzelnd, verstrahlt, repetitiv.
Die haarsträubenden Gerüchte über das Duo sind Legende: zugedröhnte Live-Auftritte mit Staubsaugern statt Gitarren, regelmäßig in Scharen buhende oder flüchtende oder aber mit physischer Gewalt drohende Konzertbesucher, Konzertveranstalter, die der Band verzweifelt den Strom abstellten, und dergleichen mehr.
Die Konturen der Clocks zeichneten sich ab, als sie sich 1979 vom Punk abwendeten und den „Psycho Beat“ erfanden. Sie waren der selbst definierte Gegenentwurf zur damals aufkommenden Neuen Deutschen Welle. Ihre Musik ist eine futuristische, definitiv urbane, weiterentwickelte Form des US-Sixties-Garage-Punks. Ihre Stilmittel: ausdruckslose Stimme, englischer Gesang mit absichtlich starkem deutschem Akzent, schmut- ziger Sound, cooles Schwarz-Weiß-Image. Fantasieunbegabte hören vielleicht lediglich Velvet-Underground- Anleihen heraus, tatsächlich waren verschiedenste andere Einflüsse prägend: von Salvador Dali über die Troggs, Suicide, Peter Handkes Publikumsbeschimpfungen, Antoine bis zu Tiny Tim, Kurt Schwitters, Can und NEU. Die Clocks selbst sprachen von „mindestens 123“ verschiedenen Inspirationsquellen. Bei allen erkenn- baren Einflüssen waren die 39 Clocks Anfang der 80er in Deutschland auch gleichzeitg ein ausgesprochen singuläres Phänomen mit deutlich erkennbarer Soundidentität. Die 39 Clocks haben es auch immer wieder geschafft, die Grenzen des Experimentellen noch ein Stück zu erweitern: Schwer erträglich lange Live-Impro- visationen, atonale Passagen, Störgeräusche, Extremst-Low-Fi und die blecherne Beatbox strapazierten die Hörgewohnheiten mitunter aufs Äußerste.
Und doch: Die Radikalität der Clocks fand weltweit Verehrer. Ihre Tonträger waren und sind unter anderem in England, Griechenland und den USA gefragt. Und ihre Klang-Experimente tauchen in verschiedenen Film-Soundtracks auf, zum Beispiel in „Nigthtfall“, „23 – Nichts ist so, wie es scheint“ oder der US-TV-Serie „Halt and Catch Fire“.
Das Boxset „Next Dimension Transfer“ wurde von den Clocks autorisiert und liefert den ultimativen Überblick über das Œuvre dieser bis heute mythenumrankten Phantome des deutschen Musik-Untergrunds.
Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, die 39 Clocks (wieder) zu entdecken
Die Hannoveraner Underground-Band, die wirklich alles dafür tat, keinen Erfolg zu haben, präsentiert mit „Next Dimension Transfer“ eine umfangreiche Werkschau.
Keine Seite des reich Âbebilderten Booklets zur ersten Werkschau der 39 Clocks kommt ohne Kalauer aus. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass die depressiv angefressenen Psycho-ÂBeats der Hannoveraner Undergroud-Band nicht immer ganz so ernst genommen werden sollten.
Angetreten waren Jürgen Gleue und Christian Henjes Ende der Siebziger mit einem Zerstörungsprogramm. Ihre Debütplatte, „Pain It Dark“ (1980), schüttelte Hippie-Gewissheiten durch und eliminierte alles, was nach Wiedererkennbarkeit und Neuer Deutscher Welle klang. Dafür kleideten sich die Musiker wie Beatniks und benutzten auch mal Staubsauger auf der Bühne anstatt Gitarren. Ein unheimlicher, von hemdsärmeligem Englisch getragener Abgesang auf den Garagen-Punk, bei dem von Kurt Schwitters über Suicide bis hin zu Peter Handke so ziemlich jede InÂspiration dankbar aufgenommen wurde, die Misserfolg versprach.
Ihre Kompromisslosigkeit bescherte 39 Clocks einen guten Ruf im Ausland. Nach Velvet Underground klangen sie allerdings nie, auch wenn sich dieses Gerücht hartnäckig hielt. Das Publikum ließ die Störgeräusche indes über sich ergehen. Manchmal wurde es von Gleue und Henjes, die sich nur noch C.H.39 und J.G.39 nannten, deshalb bestraft, wüst beschimpft und zum Abgang aufgefordert.
Absurder Humor
Nach ihrer zweiten, noch befremdlicheren Platte, „Subnarcotic“ (1982), trennte sich das Duo. ÂEine kurze Reunion ein paar Jahre später förderte zwar noch eine weitere LP zutage („13 More Protest Songs“, 1987), die allerdings nicht ganz fertig wurde. Oder bewusst nicht fertig werden sollte.
Natürlich war die benebelte Performance-Kunst der 39 Clocks ihrer Zeit voraus und erinnert mit ihrer transgressiven Haltung durchaus an DAF. In den hitzigen, sehr produktiven ersten Jahren zwischen 1977 und 1983 entstanden viele Songs, die untergingen oder nicht verwendet wurden. Sie werden hier zum ersten Mal auf einer CD nachgeliefert. Eine Live-Aufnahme von 1981 demonstriert den absurden Humor der Band.
(Marc Vetter, rollingstone.de, 10.06.2019)